Ortsgespräche

Arzt Marcus Auel im »Ortsgespräch« mit Pfarrer Hans-Michael Uhl zum Thema »Heil und Heilen«
Auch beim zweiten ökumenischen Abendgottesdienst »Ortsgespräch« konnte Pfarrer Hans-Michael Uhl ein volles Haus begrüßen. Im evangelischen Gemeindesaal interviewte er den Hausacher Arzt Marcus Auel zum Thema »Heil und Heilen«.


VON CLAUDIA RAMSTEINER
Hausach. »Sehnsucht nach Heilung, nach Ganzsein, nach Zukunft« – wer hat diese nicht? Im Lied »Meine engen Grenzen«, einem Lieblingslied von Pfarrer Hans-Michael Uhl, besang die Gemeinde am Sonntagabend diese Sehnsucht, bevor das Heilen zum »Ortsgespräch« wurde zwischen Uhl und dem Hausacher Hausarzt und Kardiologen Marcus Auel.
Dieser stellte den Aufbau einer Beziehung zwischen Arzt und Patient allem voran. Gerade im südlichen Afrika und auf Haiti sei dies deutlich geworden. Mit »einer gewissen Demut« sei er da zurückgekommen in ein Land mit einem hervorragenden Gesundheitssystem, das viel Geld koste. Darüber verliere man hier einige Aspekte aus den Augen. Auch ohne die Gerätschaften, die man im Wohlstand gewohnt sei, könne man dort zu den Menschen ein ganz besonderes Verhältnis aufbauen.
»Es ist viel, was wir aus diesen Ländern mitnehmen können«, so Auel. Da komme man wieder auf die wichtigen Dinge zurück, auf die »Grundmomente ärztlichen Handelns«. Pfarrer Uhl brachte Jesus ins Spiel, der »durch die Kraft der Beziehung heilte«. Überhaupt sei »nur Beziehung etwas, was uns im Prozess des Heilens vorwärts bringen kann«, bestätigte Auel. Sie sei die Grundlage für eine weiterentwickelte, spezialisierte Medizin: »Das eine ist ohne das andere nicht möglich«.
Auch Technik, Chemie und Methoden könnten nur anschlagen, wenn die Menschen daran glauben: »Als Arzt muss ich die Menschen zum Gesundwerden ermächtigen«, betonte der Arzt die Entscheidungsbefugnis jedes Einzelnen. Er könne lediglich Vorschläge machen und Optionen schildern: »Entscheiden muss der Patient selbst, dazu kann ich ihn bemächtigen«. Hans-Michael Uhl sah darin eine Parallele zum reformatorischen Ansatz »Priester aller Gläubigen« der evangelischen Kirche.
Vertrauen aufbauen
Angst sei allerdings ein sehr häufiger, aber schlechter Begleiter: »Wer Angst schürt, nimmt die Möglichkeit, das Handeln eigenverantwortlich zu bestimmen«, sagte Auel. Ob es dann eher die priesterliche Funktion sei, Angst zu nehmen?, hakte Hans-Michael Uhl nach. Die seelsorgerliche Tätigkeit gehe weiter, sie stelle die Sinnfrage, »die lasse ich gern bei Ihnen«, schmunzelte Auel. Wer keinen Sinn im Leben sehe, könne nicht gesund werden. Die Medizin gehe durchaus auch Irrwege, da könne die Seelsorge eine gute Unterstützung sein.
Ein »Herr über Leben und Tod« zu sein, empfinde er als Anmaßung, sagte der Arzt. Vertrauen könne man auch aufbauen, indem man zugebe, im einen oder anderen Fall nicht helfen zu können – aber jemanden zu wissen, der das kann. Um dem Ärztemangel entgegen zu wirken, sei die Qualifizierung der Menschen durchaus eine Chance. Die gegenseitige Begleitung und Hilfe würde den Ärzten durchaus die Arbeit erleichtern. Und auch die Medizinischen Fachangestellten in einer Praxis seien keine Hilfskräfte, sondern »sie wirken in einer Praxis mit dem Arzt zusammen.« Und Alternativen zur konventionellen Medizin seien durchaus willkommen: »Wer heilt, hat recht.«
»Internet keine Lösung«
Er habe auch die Erfahrung gemacht, dass es vielen Patienten leichter falle, mit ihrer Krankheit umzugehen, wenn sie offen darüber sprechen könnten. »Allein schon das Problem in einer Beziehung auszusprechen, hat einen heilenden Aspekt«, so Auel.
Ein »ganz schlechter Lösungsansatz« für den Ärztemangel ist für ihn die von Hans-Michael Uhl angesprochene Internetsprechstunde, weil über einen Bildschirm keine Beziehung aufgebaut werden könne.
Der katholische Pfarrer Christoph Nobs sprach am Schluss des Gottesdienstes den Segen, und der Liedermacher Jürgen Köster, der den ganzen Abend mit E-Piano und Gesang bereicherte, schickte die Besucher mit dem selbst geschriebenen Lied »Ich schenke dir ein neues Herz, ein steinernes gegen eines mit Fleisch« nicht nach Hause, sondern in die rege Diskussion, in viele kleine »Ortsgespräche«.

Claudia Ramsteiner
Offenburger Tageblatt
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